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Was macht eine DAW?
Die magnetische Datenspeicherung existiert aber auch heute noch. Allerdings nicht mehr in Form von kontinuierlichen Spannungsschwankungen auf Ampex-Tape, sondern in Form von Nullen und Einsen auf der Festplatte. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: verlustfreie Kopien, blitzschnelles Schneiden − ohne Rasierklinge. Das digitale Editieren eröffnet inzwischen unendlich viele Möglichkeiten, etwa die Manipulation der Tonhöhe einzelner Gesangssilben oder das Geraderücken von unsauberen Schlagzeug-Performances. Eine DAW bietet eine komplette Produktionsumgebung nicht nur in Homestudios, denn neben der „Bandmaschine 2.0“ist auch gleich ein Mischpult integriert, samt Equalizern und Effekten. Die Grenze des Machbaren wird nur durch die Prozessorleistung des Computers gezogen. Was will man also noch mehr?
DAW für umme?
Gegenwärtig tummeln sich sehr viele DAWs auf dem Markt. Als Faustregel gilt: Mit allen kommt man ins Ziel − ausnahmslos! Die Frage ist nur, ob man mit dem Aufbau des Programms als Einsteiger klarkommt. Viele aktuelle DAWs sind schon seit über 10 Jahren auf dem Markt und besitzen durch die ständige Weiterentwicklung einen teilweise sehr großen Funktionsumfang, der sich in vielen Menüs und versteckten Untermenüs niederschlägt. Weniger ist mehr, erst recht, wenn man doch „nur“ aufnehmen und die Spuren zum Mix an einen Profi oder zumindest jemandem, der sich schon ein paar Jährchen mit der Materie auseinandergesetzt hat, weitergeben möchte − gerade Einsteiger und selbst fortgeschrittenen Homerecordlern ist es sehr zu empfehlen, beim Mischen und Mastern jemanden zu involvieren, der darin entsprechende Erfahrung hat. Welche DAW man wählen sollte, ist für absolute Anfänger keine einfache Entscheidung.
Es lohnt sich also, mehrere Demos auszuprobieren, die man auf der Homepage des jeweiligen Herstellers oft uneingeschränkt für ungefähr zwei Wochen testen kann. Hat man einen Favoriten für sich entdeckt, muss auch nicht gleich die teure Vollversion her, denn nahezu jede DAW ist mit abgespeckten Features zum Sparpreis erhältlich. Ableton beispielsweise versieht Live mit dem Namenszusatz „Intro«, Steinberg und Propellerhead hingegen bieten „Cubase Artist“und „Reason Essentials“ an. Häufig sind derartige Einsteigerprogramme auch bei Audiointerfaces, Hybridmischpulten oder Keyboard-Workstations und Controller-Keyboards im Lieferumfang dabei. Studenten und Schüler sollten ebenso nach „EDU«-Versionen Ausschau halten, welche nur einen Bruchteil des Gesamtpreises ausmachen
DAW-BASICS
Um das große Angebot etwas einzugrenzen, sollte man sich zuerst am eigenen Computersystem orientieren. Während fast jede DAW das Prädikat „crossplatform“ trägt, also sowohl auf dem PC als auch dem Mac läuft, ist z. B. Apple Logic Pro X ausschließlich für den Mac erhältlich oder etwa Cakewalk Sonar nur für Windows-Systeme. Außerdem sollte eine DAW die wichtigsten Schnittstellen „VST2/VST3“(Virtual Studio Technology) oder „AU“(Audio Units) unterstützen. Nur so ist gewährleistet, dass man die Produktionsumgebung später mit weiteren Klangerzeugern und Effekten, also Plugins von Drittanbietern nachrüsten kann.
Eine Ausnahme macht hier Avid mit Pro Tools. Die „Express«-Version versteht nur Plug-Ins mit den Schnittstellen „RTAS«, „Audio Suite“ und „AAX Native«. Klettert man die Produktleiter etwas höher, sprich: Pro Tools 11 oder Pro Tools HD, bleibt sogar nur noch die Schnittstelle „AAX“ übrig. Ein Punkt, den man stets im Auge behalten sollte, nicht zuletzt, da es ein großes Angebot von kostenlosen Plug-Ins, sogenannte „Freeware«, speziell für die VST-Schnittstelle gibt. Ebenso unterstützt Logic Pro die VST-Schnittstelle bis heute nicht. Hinsichtlich Kompatibilität nach einer Aufnahme muss man sich heute aber keine Gedanken mehr machen, denn alle DAWs können die beiden gängigsten Dateiformate, WAV und AIFF, schreiben und lesen.
MONITORING
Das Monitoring, also Kopfhörermischungen und die Verwaltung von Studio-Abhören, lässt sich, wie angesprochen, entweder über eine integrierte Mix-Matrix mancher Audiointerfaces oder mithilfe eines ausreichend ausgestatteten Mischpultes realisieren. Doch auch in der DAW selbst klappt das natürlich. Dazu ist ein Audiointerface mit einem guten Treiber und niedrigen Latenzwerten sowie mit entsprechend vielen Einzelausgängen nötig. Ab dann geht es ganz klassisch über die virtuellen Aux-Wege weiter. Nur eine DAW bietet diesbezüglich eine perfekt abgestimmte Komplettlösung an: Steinbergs Cubase.
Der integrierte „Control Room“ ermöglicht es, das gesamte Monitoring-Setup rein über die Software umzusetzen. Bis zu vier unabhängige Kopfhörermischungen, hier „Studios“ genannt, lassen sich erstellen und mit Metronom sowie Talkback beschicken; die eigentlichen Aux-Sends bleiben dabei unangetastet. Für das Talkback-Mikrofon kann man einen beliebigen Eingang am Interface definieren. Aktiviert man dieses, kann eine zusätzliche DIM-Funktion sogar den Pegel der Lautsprecher absenken, um gefährliche Rückkopplungen zu vermeiden. Bis zu vier Lautsprecher-Systeme lassen sich verwalten, egal ob mono, stereo oder 5.1. Sind am Audiointerface noch ein paar Eingänge frei, kann man diese mit Zuspielern wie CD- oder MP3-Player beschicken und ebenfalls über dedizierte Schaltflächen dem Control Room zuführen.
COMPING
Eine gängige Methode in fast jedem Aufnahmestudio ist das sogenannte Loop-Recording. Man definiert einen Bereich, beispielsweise nur vier Takte der ersten Strophe, und spielt den gleichen Part mit vielen Wiederholungen ein. Die meisten DAWs schichten diese Takes übereinander. In einer speziellen Ansicht lassen sich die Takes auch untereinander anzeigen. Nun kann man Stück für Stück alles durchhören, nach den besten Teilen suchen und diese dann markieren − etwa nur einen Takt oder noch kleinere Scheibchen. Die ausgewählten Schnipsel rutschen dann in die Hauptregion, und am Ende erhält man die bestmögliche Performance, ohne dass jemand etwas gemerkt hat. Logic, Pro Tools, Cubase, Reaper oder StudioOne sind hier allesamt sehr ausgereift. Nur in Ableton Live ist das Comping in der klassischen und unkomplizierten Art leider nicht vorhanden, auch wenn diese DAW hinsichtlich Experimentierfreudigkeit und Jam Faktor die Nase weit vorne hat.
TONHÖHENKORREKTUR
Gerade in Homestudios hat man wahrscheinlich nicht immer absolute Profimusiker zu Besuch. Insofern kann es hilfreich sein, schon bei der DAW-Auswahl auf eventuell nötige Nachbearbeitungsfunktionen zu achten. Wir sprechen hier nicht von Echtzeit-Tools im Sinne von AutoTune, sondern von leistungsfähigen Editoren, die tonales Material analysieren und in einzelnen Segmenten in einer Pianorollen-Ansicht darstellen − ähnlich einem MIDI-Editor.
Im Nachhinein kann man so die ein oder andere schiefe Gesangssilbe geraderücken oder einzelne Gitarrennoten verschieben, sodass, wenn es sein muss, sogar eine komplett andere Tonart entsteht. Steinberg war der erste Hersteller, welcher einen derartigen Editor werkseitig für eine DAW anbot. In Cubase heißt diese Technologie „VariAudio«. Auch Presonus Studio One und Cakewalk Sonar X3 haben das unter der Haube und sogar eine einfache Version des Platzhirschen „Celemony Melodyne“ höchstpersönlich integriert. Ganz frisch mit im Boot ist Apple, denn Logic Pro X bietet mit „Flex Pitch“ nicht nur in der Pianorollen Ansicht, sondern sogar direkt in der Audiospur Bearbeitungsmöglichkeiten an.
TIMING-KORREKTUR
Oft hapert es jedoch nicht an der Tonhöhe, sondern am Timing. Ein Snare-Fill ist verhauen, oder der erste Basszupfer kommt zu spät? Da gibt es Abhilfe, denn fast alle DAWs beherrschen die sogenannte Transientenanalyse, d. h., selektiertes Audiomaterial wird auf Pegelspitzen in der Einschwingphase bzw. dem Anschlagsgeräusch einzelner Töne untersucht, und diese werden jeweils mit einem Marker versehen. Ab dann kann man die Marker zeitlich korrigieren, etwa durch Ziehen auf das Taktraster. Die restliche Performance bleibt dabei unangetastet. Sehr gut klappt das mit Ableton Lives „Warping«, doch auch Cubase, StudioOne und Pro Tools beherrschen diese Tricks.
SETZKASTEN
Die meisten DAWs arbeiten „linear«, sprich: Die Wiedergabe erfolgt in Abhängigkeit der Songpositionslinie zeitgleich für jede Spur von Anfang bis Ende. Cubase und Reason besitzen eine zusätzliche Arrangement-Spur. Hier kann man Songparts, wie „Verse 1«, „Chorus“ oder „Bridge“ einzeichnen und diese dann in Reihenfolge und Wiederholungsanzahl manipulieren. Das ist sehr praktisch, um verschiedene Arrangements auszuprobieren oder Edits mit einer bestimmten Spieldauer zu erzeugen. Diese „nicht-lineare“ Herangehensweise treiben zwei DAWs auf die Spitze: Ableton Live und Bitwig Studio. Die sogenannte „Session View“ ist dort tabellenartig aufgebaut. Jede Spalte entspricht einer Spur, die Zeilen hingegen heißen „Scenes«. So kann man die einzelnen Zellen, auch „Clips“ genannt, mit verschiedenen Ideen füttern und diese entweder Zeilenweise oder vollständig frei starten.
Das Arrangement lässt sich auf diese Weise in Echtzeit gestalten und auch aufnehmen. Man kann sich beispielsweise eine Jamsession vorstellen, in der ein Musiker zu jeder Zeit einsteigen kann, ein paar Takte spielt und die Aufnahme beendet, während die Bandkollegen ohne Unterbrechung weiterklöppeln dürfen und den neuen Take automatisch im Loop hören. Ein toller Ansatz, der eigentlich den Titel „Bandmaschine 3.0“verdient. Diese Arbeitsweise eignet sich aber nicht nur für experimentierfreudige Bands, sondern ganz besonders für die Sound-Frickler, die auch im Alleingang ganz intuitiv Loopbasierte Musik kreieren möchten. So läuft beispielsweise der eintaktige Drum-Break stets weiter, während man sich an einer Synthesizer-Phrase mit vielleicht acht Takten die Ohren blutig programmiert.
Der absolute Spezialist auf diesem Gebiet nennt sich Ableton Live, welcher aber schon bald massive Konkurrenz, ebenfalls aus Berlin, bekommen wird: Bitwig Studio, momentan noch in einer lang ausgedehnten Beta-Testphase, verwendet einen vergleichbaren Workflow. Abschließend ist zu erwähnen, dass beide dieser Kandidaten, neben der „nicht-linearen“ Matrix auch über ein klassisches „lineares“ Arrangement in einer zweiten Ansicht verfügen. Wer noch weiter in die DAW-Welt ein – tauchen möchte, kann sich alle sechs Teile des ausgiebigen Sequenzer-Vergleichs von www.sound-and-recording.de kostenlos herunterladen. Zwar ist diese Gegenüberstellung nicht mehr ganz aktuell, bietet aber immer noch einen guten Überblick hinsichtlich des grundlegenden Funktionsumfangs und Workflows.
 
 
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